Darf ich dich festhalten?

Das Haus ist voll, die Jugendlichen hören allmählich auf zu tuscheln. Die halbwegs wirr Gekleideten treten auf die Bühne, summend und meditativ. Sie zeigen Bilder. Ein Junge stirbt gewaltsam, er wird getötet vom Freund – eine albanische Blutrache. Das Summen wird zum Singen davon, was die Bilder zeigen. Die Eltern trauern um den getöteten Sohn und tanzen dazu Walzer.

Eli von den Makais hat Zef Bunga erschossen.

In der transzendenten Welt tritt Anne Frank in die Szene, schwanger, leicht verwahrlost. Sie ist schon länger da und führt Zef, den Neuen, ein und ihre Vernichtung in fiktiver Fortführung des Tagebuchs aus. Die Kalauer reihen sich, während das Publikum schmunzelt und der Rest der Bühnenhorde unbeteiligt summt und tänzelt.

Plötzlich hatte ich ein Gefühl grenzenloser Freiheit.

Zef Bunga erzählt in Infinitiven – vom Gefängnis des Elternhauses und von Bunga-Bunga-Inzest mit der Cousine. Anne träumt von Peter. Zuletzt sind alle versöhnt und gleich, parallelisiert und universal. Die Kinder sind immer die Ersten die leiden, sagt man, ob unter Auschwitz oder Tradition. Es bleibt auf ewig ihr Schicksal, „Auferlegt vom innersten Wesen des eigenen Lebens“.

 Euer Elend wurde geplant.

Das eure nicht?

Zef von den Bungas und Anne aus Amsterdam küssen sich – sie hassen ihre Mütter. Die Horde singt wieder das, was dargestellt wird und ob Anne und Zef „Bunga-Bunga“ machen bleibt nur angedeutet. “Aufrüttelnd in seinen aufgezeigten Gegensätzen“ und „klar in seinen leidenschaftlichen Darlegungen“, nicht zuletzt „humorvoll durch einige fast kabaretthafte Darbietungen”. Das Haus ist voll.

// ANNE UND ZEF – Theaterhaus Ensemble, Do 6.10. 19:00

 

‎”Infantil ist endlich der neurotische Mechanismus der Dummheit, der wahllos beim anderen alles Zurückgebliebene, schlecht Unbewusste, stumm Naturbefangene liebenswert macht […].”

Bildung und ihre Freunde

In den letzten zwei Tagen zogen hunderttausende Studenten durch die Städte in Deutschland, um ihr Bildungsideal zu propagieren. Die so dermaßen verschiedenen Standpunkte der Studierenden und der Schüler_innen – “Bildungssystem okay, ein wenig verbessern”; “Bildungssystem schlecht, so machen wie “früher”" – waren zwar allesamt nicht wirklich spannend, in “Criminal Mainz” ergaben sich für “kritische Begleiter_innen” allerdings ein paar amüsante Situationen.
Die durch die Medien bekannte Stürmung des Abgeordnetenhauses des Landtages war zwar deutlich unspektakulärer, als die Berichte erwarten lassen, und hatte als Resultat auch nur einen “offenen Dialog mit Politikern” zur Folge, war aber im Ablauf durchaus interessant anzuschauen. Die “geschmierten” Parolen selbst schienen auch nicht direkt dem Geist der Mehrheit auf jener Demo zu entspringen (“No Border – No Nation – Reeducation!”), sorgten aber bei der Polizei für sichtbar schlechte Laune und bei den Abgeordneten für medienwirksame Empörung. Da zeitgleich eine Ausstellung zum Thema “20 Jahre Revolution”, sprich zur Wiedervereinigung zweier bereits zu großer zu einem größten Übel im Foyer ausgestellt war, kam auch diese nicht unbeschädigt davon. Berichten zufolge wurde eine DDR-Schreibmaschine – warum man eine solche ausstellte oder klauen wollte, konnte bis jetzt niemand sagen – entwendet. Doch damit nicht genug. Continue reading

Notizblog

Damit auf diesem Blog auch mal wieder etwas Leben in die Bude kommt, ein paar kurze Notizen zu den letzten Tagen.

Ich liebe DresdenDresden war nicht nur verflucht kalt,  sondern auch für die Antifa nicht sonderlich erfolgreich. Warum das mit dem “no pasarán” nicht so recht geklappt hat, was an diesem Vorbereitungsbündnis alles auszusetzen ist, und wie die Antifa-Demo und der Rest (was nicht heissen soll, auf der Antifa-Demo hätte es nichts ekelhaftes gegeben) so aussah, das ist ja alles schon längst dokumentiert. Und weil Dresden immer so ein schönes Thema für “Internet-Beef” ist, wurde auch ein offensichtlich polemischer Artikel zum Anlass genommen, mal wieder gegen die antideutschen Trottel zu schießen. Es geht doch nichts über diese großen Polit-Events im Jahr, um ein wenig für Stimmung zu sorgen.
Dafür gab es auch amüsantes am Rande zu belauschen. Mein Favorit war die Demonstrantin, die dem Polizisten vor ihr immer wieder zu erklären versuchte, dass der Satz “Sie behandeln mich ja so, als ob ich eine Bombe dabei hätte” mitnichten bedeutete, dass sie tatsächlich Sprengstoff mit sich führt und daher nochmal untersucht werden müsste.

Gerade mal eine Woche später lassen auch hier die Menschen die Maske fallen – ironischerweise gerade durch das Aufziehen einer solchen – und zeigen ihre kaum verhohlene Sehnsucht nach Barbarei, die im “Fasching” endlich ausgelebt werden darf. Dabei stellt sich mit den Jahren ein Gewöhnungseffekt ein, selbst die  “UWE – FICKT FÜR DEUTSCHLAND”-T-Shirts  können mich nicht mehr wirklich überraschen. Der Schock stellt sich erst dann ein, wenn man zwischen diesem Freude heuchelndem Kollektiv, in dem sexistische Übergriffe und stumpfester Nationalismus ausgelebt werden können, ausgerechnet die Leute findet, die man im restlichen Jahr zu seinem Freundeskreis zählen würde. Meine tatsächliche Sorge ist aber vor allem: Wenn dieser mickrige Provinzkarneval meine Nerven schon derart strapaziert, wie muss dieser Irrsinn erst in Mainz, Düsseldorf oder Köln ausfallen?

Recently seen on Krautland:  Vom Pfälzischen ins Hochdeutsche übersetzes Gespräch eines Fahrradfahrers und einer Fahrradfahrerin (dunkelhäutig).

Fahrradfahrerin: “Wieso sagst du “scheiß Mischlinge”?
Fahrradfahrer: “Ja, das war ja nur ein Scherz”
Fahrradfahrerin: “Nein, du hast gesagt “Das liegt an diesen scheiß Mischlingen”.. Ich bin doch auch ein “Mischling”.
Fahrradfahrer: “Ja.. aber ich meine ja die anderen, nicht dich. Die, die nicht hierher gehören. Du bist ja schon okay, aber ich will halt schon ne deutsche Frau haben. Das wirst du ja wohl verstehen, oder?!”

Bleibt nur zu hoffen, dass die “nur ein bisschen parasitäre Mischlings-” Frau dem armen deutschen Mann nicht bei der Erfüllung seiner Träume im Weg steht. Würg.

Schoen eingenistet

In einem neuerlichen Anfall von Polit-Masochismus verbrachte ich den Abend des 27.1. bei verschiedenen Veranstaltungen zum Gedenken an Auschwitz. Ich vermutete, dass diese Veranstaltungen im Stil deutscher Erinnerungskultur ablaufen würden.

Ich startete mit dem Besucht einer Gedenkveranstaltung, welche in einer Kapelle des Landauer Hauptfriedhofs stattfand und sich gemäß der Ankündigung inhaltlich zum einen um die Befreiung selbst, zum anderen um das Werk Vlastimil Poláks drehen sollte.

In der Erwartung schlechter Reden und der Bestätigung meiner Abscheu gegen solche “Trauerakte” betrat ich um 17h die fast bis auf den letzten Platz besetzte Kapelle. Erfreulicherweise wurde ich schwer enttäuscht. Continue reading

Der ewige Jude

plak-003-020-030-copyDer deutsche Propagandafilm “Der ewige Jude” existiert im September schon 69 Jahre. Da er nun etwas in die Jahre gekommen und schwarz-weiß auch nicht mehr “in” ist, wird er aktuell neu gedreht. Unter dem Titel “Berichterstattung” wird der Mehrteiler allabendlich in kleinen Portionen präsentiert: Um die Spannung zu erhalten. Die Elemente des Originals wurden koloriert und auf den “neusten Stand” gebracht. Auf Grundlage des Buches “Die Israel Lobby” konnte der Themenbereich “Die jüdischen Machenschaften zur Unterdrückung der Menschheit” nach den neusten Erkenntnissen der Wissenschaft aktualisiert werden. Neu hinzu gekommen ist ein Bereich, der das Thema des bösartigen jüdischen Vernichtungswillens analysiert. Hierbei wird besonders auf “genozidale Anwandlungen” des Juden und der damit verbundene Durst nach “Vernichtung des unterdrückten Volkes” geachtet. Aufgrund gewisser Probleme beim Kolorieren der Reichtagsreden bekannter Wissenschaftler mussten die Reden von Prof. Dr. Goebbels und Lehrstuhlinhaber Hr. A. Hitler gestrichen werden. Continue reading