Zur historischen Betrachtung des Kommunismus und der Möglichkeit seiner ideologiekritischen Reproduktion.
Geschichte ist kein freiwilliger Prozess. Der Mensch ist stets in seinem Denken durch das determiniert, was ihm die Vergangenheit auferlegt hat. Dabei ist die Vergangenheit stets die gleiche, das sie empfangende Subjekt jedoch ebenso beständig verschieden. Diese Tatsache macht Geschichte zu einem dynamischen, individuell reproduzierbaren Prozess – der Mensch macht seine eigene Geschichte, jedoch „nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“ (MEW Bd.8, S. 115). In eben diesem Zusammenhang muss die Rezeption der Vergangenheit einer ständigen Überprüfung unterzogen, ihr Wirken in der Gegenwart als bewusster Vorgang wahrgenommen und als Grundlage für das Handeln in der Zukunft betrachtet werden.
In Anbetracht dieser Macht des Vergangenen ist es notwendig nach einer kommunistischen Historie zu fragen, einer Methode der geschichtsbewussten Rezeption der Vergangenheit als Selbstverständnis im 21. Jahrhundert. Der Rückblick auf die Geschichte kommunistischer Strategien der vergangenen Jahrhunderte ist erdrückend: Die Machtlosigkeit zur Zeit der Industrialisierung, das Ausbleiben und schließlich der nicht verhinderte Sieg der deutschen Revolution und das Scheitern jeglicher kommunistischer Emanzipation in den realsozialistischen Staaten des 20. Jahrhunderts. In Reaktion auf eine solche Darstellung wird meist entgegnet, sie derlei Geschichtsbetrachtung diene nur der Legitimation des bestehenden. Außerdem sei es ja immerhin die Rote Armee gewesen die einen erheblichen Beitrag zur Befreiung der Welt von der deutschesten aller Herrschaftsformen leistete. Solche Argumente verdrängen jedoch den notwendigen Anspruch an Kritik und stellen eine Rechtfertigungsrhetorik in den Vordergrund.
Um ein modernes kommunistisches Geschichtsverständnis entwerfen zu können, ist die Betrachtung des Geschehenen notwendig. Zwei „Bruchpunkte kommunistischen Geschichtsverständnisses“ müssen dabei beleuchtet werden.
Zuerst der Nationalsozialismus, der im Wesen des eliminatorischen Antisemitismus der antiimperialistischen deutschen Volksgemeinschaft seine Kraft entfesselte. Er ist Inbegriff der Selbstzerstörung der Bürgerlichen Gesellschaft, der zeigte, welche Formen „menschliche Beziehungen unter dem Diktat entfesselter Herrschaft annehmen können“ (Detlev Claussen, Grenzen der Aufklärung, S. 41). Falsch jedoch wäre es Auschwitz als alleinige Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber dem Kommunismus zu betrachten. Vielmehr versuchte der Nationalsozialismus eine Rückkehr zu dem, was sich radikale Linke noch heute wünschen. Durch die Bekämpfung der Moderne sollte eine Rückkehr zur direkten Herrschaft, eine negative Aufhebung des Kapitalismus erreicht werden. Auschwitz war nicht weniger als das – eine Revolution gegen kapitalistische Herrschaft, die die Volksgemeinschaft im Willen der Vernichtung des Unvölkischen und in der Rückkehr zum „Ursprünglichen“ einte. So waren es gerade die in der kommunistischen Theorie als treibende Kraft geltenden Arbeiter, die diese Revolution vorantrieben und so eine Hoffnung in eine proletarische Revolution zerstörten.
Auch der Realsozialismus gilt als Beispiel für den Fehlschlag antikapitalistischer Emanzipation. Der Stalinismus selbst war nicht mehr als eine Verleumdung jedweder kommunistischer Theorie – aus ihr selbst entspringend. Berief er sich einerseits auf die Abschaffung des Kapitalismus, beruhte er gerade auf dem Fortbestehen zahlreicher Formen kapitalistischer Gewalt. Unter dem Label antikapitalistischer Verteidigung wurde das „Volk“ im Antiimperialismus geeint um sich im „antifaschistischen Kampf“ gegen das Fremde zu behaupten. Doch auch die „eigene“ Bevölkerung musste derartige Zumutungen ertragen. Die Gulags, sowie Säuberungen und rassistische Diskriminierung zeigten, dass die geglaubte Herrschaftsfreiheit alles andere als verwirklicht war.
Die meisten Linken, vor Allem in der Rezeption des Nationalsozialismus und des Realsozialismus, gehen davon aus, dass das Massengrab der Geschichte des 20. Jahrhunderts mahnen würde. Doch weit gefehlt. Die Toten sind sinnlos gestorben und ihrem Tod im Echo der Geschichte Sinn zu zu schreiben ist nicht mehr als der lächerliche Versuch sie zu Märtyrer_innen zu machen. So muss der in Depression zerfließende Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu einem neuen Bewusstsein führen. Falsch wäre das Stiften einer neuen Ideologie der Beruhigung, die mit dem Satz schließt „beim nächsten Mal wird alles besser“. Die dieser Behauptung zugrunde liegende Rhetorik der Legitimation der Zukunft ist der Verrat an den Toten, schreibt sie doch ihre Geschichte mit Happy-End im Stile kulturindustrieller Produktion zu Ende. Die Toten müssen, abseits von jeder optimistischen Rhetorik, vor ihrem zweiten, ihrem geschichtlichen Tod bewahrt werden.
Um dem gerecht zu werden, gilt es sich bewusst zu machen, dass die Umstände, die das Leid des letzten Jahrhunderts ermöglichten, mit dem nahezu vollständigen Untergang des Realsozialismus nicht ihr Ende Gefunden haben. Wenn die Geschichte in irgend einer Weise als „Lehre“ zukunftsweisend angeeignet werden kann, dann nur in der Kritik der kapitalistischen Gesellschaft. Antikapitalismus darf sich aber nicht nur über die Ablehnung des bestehenden definieren, sondern muss eine Kritik der genannten Fehlschläge zur Voraussetzung haben. Die Kritik muss also auch in Anbetracht der Geschichte radikal sein und darf sich nicht mit den Zumutungen der bürgerlichen Gesellschaft anfreunden.