Kommentar: Der Mensch regiert die Welt – Im Prozess

Kommentar zu R. Haubl: Geld regiert die Welt – die Außen- und die Innenwelt (2010)

Spricht man in Frankfurt von Psychoanalyse, so müsste man meinen, kommt man nicht an der analytischen Sozialpsychologie vorbei, wie sie einstige Größen im Umfeld der Frankfurter Schule formuliert hatten. So müsste man ebenfalls meinen, dass man beim stellvertretenden geschäftsführenden Direktor des Sigmund-Freud-Institutes, welches sich explizit in die Tradition des Frankfurter Psychoanalytischen Instituts und seiner Protagonisten stellt (Sigmund-Freud-Institut), Spuren einer analytischen Sozialpsychologie findet. Doch mit keiner Silbe mehr scheinen deren Ansätze bei Haubl von Gewicht zu sein, kein Versuch, im Sinne einer materialistischen Soziologie, gesellschaftliche Strukturen und Prozesse im Rückgriff auf Gesetzmäßigkeiten im Vergesellschaftungs- und Verwertungsprozess zu erklären.

Als Fromm in Berufung auf Freuds “Unbehagen in der Kultur” schrieb, dass davon auszugehen sei, dass sich “die Libido dieser ökonomischen Struktur an(passt) und [...] damit selbst zu einem das Klassenverhältnis stabilisierenden Moment (wird)” (Fromm, 1932, S. 51), so erwartete er sicher nicht, dass 80 Jahre später ein Professor für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie in Frankfurt eine “Zivilisierung des Kapitalismus” fordert (Haubl, 2010, S. 14). Seine Ablehnung gegen die Einordnung in die Geschichte der eigenen Wissenschaft geht sogar so weit, mit der Mentalität eines Aufklärers zu fordern, doch zum genannten Zwecke endlich einmal “nicht nur politik- und wirtschaftswissenschaftliche Überlegungen” in den Blickwinkel zu nehmen, sondern das auch gleich noch mit einer “Analyse der bewusstseinsfernen emotionalen Aspekte des Geldes” zu vereinen.

Nun ist es wohl kein Zufall, dass in dieser programmatischen Zielsetzung die Soziologie unter den Tisch gefallen ist und auf alle Begriffe der ‚Kritik der politischen Ökonomie’ und der Kritischen Theorie verzichtet wird. Es ist vielmehr die Pathologie der Normalität einer psychoanalytischen Sozialforschung, deren Orientierung an den Evidenzen und Fallbeispielen wohl vor allem zur Abspaltung der Theoriebildung geführt hat.

Auch wenn man solche Äußerlichkeiten beiseiteschiebt, so bleibt noch immer die Frage wie Haubl dazu kommt, zuerst – ganz im Sinne eines historischen Materialismus – von der “nicht naturwüchsigen” (S. 1) Abstraktion, als “Ergebnis langwieriger Vergesellschaftungs- und Sozialisationsprozesse” unter zunehmender Rationalisierung zu reden, um dann in den Slang einer Sozialpsychologie überzugehen, der ein Gesamtzusammenhang fern und ein ökonomiekritischer Kapitalbegriff spinnefeind ist. Es geht Haubl im Wesentlichen darum – nach Abstraktion jeglicher Charakteristika des sich am Tauschverhältnis konstituierenden Subjekts – aus schleierhaften Beweggründen zu Beginn der 70er Jahre ein völlig neues Phänomen der “Geldpathologie” (S. 3) zu konstatieren. Bis dahin, so Haubl, sei man im Wesentlichen von einem “analerotisch fixierten Geizhals” als kollektivem monetärem Ich-Ideal ausgegangen. Danach – den Anforderungen eines “moderne(n) Konsumkapitalismus und heutige(m) Finanzkapitalismus” entsprechend – in “Richtung eines kalkulierten finanziellen Risikoverhaltens”.

Stellt man den Einwurf in den Hintergrund, dass das monetäre Ich-Ideal sich wohl im historischen Verlauf nie ernsthaft auf Sparsamkeit und Konsumbereitschaft an sich, sondern vor allem auf die Art und Weise des Erwirtschaftens und die tatsächliche Möglichkeit zur Konsumption bezog, so bleibt aber dennoch die angeführte Pathologie als solche zu prüfen.

Primär beruht sie auf der Behauptung einer neuartigen Risikobereitschaft, die sich im Ideal äußert “Geld nicht zu horten, sondern es ohne Gewissensbisse für Konsumgüter auszugeben und ebenfalls ohne Gewissensbisse finanzielle Engpässe […] durch die Aufnahme von Krediten zu überbrücken”. Die These von der Risikobereitschaft macht Haubl zuerst an Börsengang der Telekom fest, welche Hunderttausende dazu brachte zu “Neu-Aktionären” zu werden. Dieses Ereignis ist für Haubl “historische Signatur” des Aufbruchs zu einer “Moralität, die gerade den ‚kleinen Leuten’ zu ihrem Recht verhilft”. Das dem Boom viel mehr die suggestive Sicherheit in der Präsentation der besagten Telekom-Aktie als “Volksaktie” zugrunde liegt, die einem Sparbuch ähnelt, das kommt ihm nicht in den Sinn. Wie auch, wenn er einer – möglicherweise von Teilen der 3.624 Mio. Direktanlegern in Deutschland (Deutsches Aktieninstitut, 2010) gelebten – Risikobereitschaft das Potential zuschreibt das Ideal des Sparens und damit vermeintlicher finanzieller Sicherheit, seit mehr als zehn Jahren “erheblich unter Druck” zu setzen (Haubl, 2010, S. 3). Dieser diffuse Versuch plausible Erklärungen zugunsten von vagen Allgemeinheiten in den Vordergrund zu stellen und andere Erklärungen nicht einmal zu diskutieren wird im Anschluss in der Kasuistik fortgesetzt. Ein Sohn, der ohne jede Hemmung oder Reue das finanzielle Lebenswerk des Vaters auf dem Aktienmarkt zu einem großen Teil ‚verbrennt’, wird zum Protagonisten einer ganzen Generation, nicht zum bemerkenswerten Einzelfall, auch nicht zur Spitze des Eisberges. Alleine seine Pathologien, die Minderbewertung von Lohnarbeit, eine Kontrollillusion und eine manifeste Entmoralisierung werden zur gesellschaftlichen Tendenz und zur Basis von Haubls Umwälzungslegende in drei Akten.

Deren dritter Akt unter dem Titel “Entmoralisierung des Gewinnstrebens” (S.7) enttäuscht nicht, was man schon im Titel hatte vermuten können. Angeregt vom Beispiel des Sohnes stellt er die übliche bürgerliche Entgrenzungsthese in dem Raum, für die es auch den Mitnutzern aus der Skandalpolitik noch nie an psychoanalytischen Kategorien gemangelt hat. Globale Finanzmärkte und deren große und kleine Protagonisten werden zu einer Bande Freisinniger von Reflexion, deren Handlungsmaxime ihre “psychische Verarmung” im “globale(n) Schuldzusammenhang” (S.8), nicht etwa der Zwang zur Kapitalakkumulation ist.

So wird das Resultat der kapitalistischen Vergesellschaftung zur eigenen Ursache verkannt, die anfangs konstatierte Abstraktion dieses Verhältnisses affirmiert und letztlich die Logik des globalen Elends zur Pathologie empathieloser Anleger.

Literaturverzeichnis

Deutsches Aktieninstitut. (2010). Zahl der Aktionäre und Aktienfondsanleger: Stabilisierung im Jahr 2009. DAI-Kurzstudie 1 / 2010, 1.

Fromm, E. (1932). Über Methode und Aufgabe einer Analytischen Sozialpsychologie:Bemerkungen über Psychoanalyse und historischen Materialismus. Zeitschrift für Sozialforschung, 28 ff.

Haubl, R. (2010). Geld regiert die Welt – Die Außen- und die Innenwelt. Unveröffentlichtes Papier. Frankfurt.

Sigmund-Freud-Institut. (kein Datum). Homepage des Sigmund-Freud-Institut. Abgerufen am 16. 07 2010 von Freud und Frankfurt – Die Geschichte des Sigmund-Freud-Instituts: http://www.sfi-frankfurt.de/das-institut/die-geschichte.html

 

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