Bildung und ihre Freunde

In den letzten zwei Tagen zogen hunderttausende Studenten durch die Städte in Deutschland, um ihr Bildungsideal zu propagieren. Die so dermaßen verschiedenen Standpunkte der Studierenden und der Schüler_innen – “Bildungssystem okay, ein wenig verbessern”; “Bildungssystem schlecht, so machen wie “früher”" – waren zwar allesamt nicht wirklich spannend, in “Criminal Mainz” ergaben sich für “kritische Begleiter_innen” allerdings ein paar amüsante Situationen.
Die durch die Medien bekannte Stürmung des Abgeordnetenhauses des Landtages war zwar deutlich unspektakulärer, als die Berichte erwarten lassen, und hatte als Resultat auch nur einen “offenen Dialog mit Politikern” zur Folge, war aber im Ablauf durchaus interessant anzuschauen. Die “geschmierten” Parolen selbst schienen auch nicht direkt dem Geist der Mehrheit auf jener Demo zu entspringen (“No Border – No Nation – Reeducation!”), sorgten aber bei der Polizei für sichtbar schlechte Laune und bei den Abgeordneten für medienwirksame Empörung. Da zeitgleich eine Ausstellung zum Thema “20 Jahre Revolution”, sprich zur Wiedervereinigung zweier bereits zu großer zu einem größten Übel im Foyer ausgestellt war, kam auch diese nicht unbeschädigt davon. Berichten zufolge wurde eine DDR-Schreibmaschine – warum man eine solche ausstellte oder klauen wollte, konnte bis jetzt niemand sagen – entwendet. Doch damit nicht genug.
Diese Begebenheit wurde auch am nächsten Tag beim standardisierten Rumgerenne (“dezentrale Aktionen”) quer durch die Stadt ironisch aufgegriffen, als einige Studenten ein Flugblatt herumgaben, bei der eine DDR-Schreibmaschine – in RAF/Hans-Martin Schleyer-Manier – als ironische Überspitzung der bisherigen Berichte – in einem “Erpresserbrief” dargestellt wurde. Die recht sympathische Forderung beinhaltete hauptsächlich “alles, und zwar sofort”, und drohte damit, das “Wohlergehen ihrer Schreibmaschine” sonst nicht länger garantieren zu können. Dieser durchaus amüsante Flyer kam anscheinend bei vielen besorgten Mitmenschen nicht sonderlich berauschend an. Neben einigem Kopfschütteln und Schmunzlern löste dieser Fetzen Papier auch tatsächlich heftige Reaktionen aus. Der CDU-Fraktionssprecher Olaf Quandt nannte es “hochgradig widerlich”. Im Wiesbadener Tageblatt war von einer “Verhöhnung der Schleyer-Ermordung” die Rede, Bettina Dickes sprach von einer Verharmlosung eines “brutale[n] und menschenverachtende[n] Verbrechens”. Als Parodie auf die Rezeption der Proteste von Parteien und Proteste scheint das niemand zu sehen, eher als Beleg für eine “linksextremistische Unterwanderung”. Um sich mal zu vergegenwärtigen, worüber hier überhaupt gesprochen wird, hier der Originalflyer:

Der Erpresserbrief

Der Erpresserbrief

Dabei ist diese gesamte Aufregung völlig überflüssig. Die Parteien würden deutlich besser fahren, würden sie jetzt (wie die SPD-Fraktion das zum Teil sehr erfolgreich zeigte) den Eindruck erwecken, irgendwie auf diese Proteste einzugehen. Denn das wird den Demonstrierenden im Gedächtnis bleiben. Dagegen wird spätestens am Montag der Effekt dieser Streikwoche vorbei sein, Studium und Schule den gewohnten Weg gehen. Schade? Naja. Denn im Endeffekt wollen doch die Großzahl der Student_innen und der Parteien leider das Selbe: Eine gute Bildung für ein besseres Deutschland.

PS: Auch ein Satz, den ich so nie schreiben wollte: Der Spiegel sieht die Sache ähnlich.

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