In einem neuerlichen Anfall von Polit-Masochismus verbrachte ich den Abend des 27.1. bei verschiedenen Veranstaltungen zum Gedenken an Auschwitz. Ich vermutete, dass diese Veranstaltungen im Stil deutscher Erinnerungskultur ablaufen würden.
Ich startete mit dem Besucht einer Gedenkveranstaltung, welche in einer Kapelle des Landauer Hauptfriedhofs stattfand und sich gemäß der Ankündigung inhaltlich zum einen um die Befreiung selbst, zum anderen um das Werk Vlastimil Poláks drehen sollte.
In der Erwartung schlechter Reden und der Bestätigung meiner Abscheu gegen solche “Trauerakte” betrat ich um 17h die fast bis auf den letzten Platz besetzte Kapelle. Erfreulicherweise wurde ich schwer enttäuscht.
Zwar war die Einleitung durch den sozialdemokratischen Oberbürgermeister durchaus “kritisch” – bei Formulierungen à la “6 Millionen Menschen wurden aufgrund ihrer Rasse in Vernichtungslager ausgerottet” musste ich doch schwer schlucken – doch entsprach sein Vortrag im Gesamten nicht meiner Erwartung. Der anschließende Vortrag von Dr. Wolfgang Pauly leitete nicht nur zur Person Poláks über, sondern kritisierte in sehr progressiver Manier den aktuellen Zustand, in dem Vertreter_innen von Religionsgemeinschaften “unter dem Deckmantel der Religiosität” ihren “antisemitischen Schmutz” von sich gäben. Er beendete seinen Vortrag mit einem Aufruf zur Intoleranz, zu einer Gesellschaft, in der man mit “solchen Menschen” nicht in einer “Gemeinschaft” leben wolle.
An den Vortrag schloss die Lesung zahlreicher Gedichte Poláks an, deren chronologische Ordnung bis hin zum Tag der Befreiung und die folgende Lesung von Paul Celans “Todesfuge” dem Anspruch des Gedenkens und Erinnerns durchaus gewachsen war.
Anschließend besuchte ich die Gedenkveranstaltung der “AG gegen Rechts” der IGS Kandel, welche am OHG in Landau stattfand – sie sollte meine anfänglichen Erwartungen an Trivialität sogar noch übertreffen.
Unter dem Motto “Wie soll man richtig erinnern?” begann um 19h die Veranstaltung mit dem Vortrag eines Geschichtslehrers. In einer Mischung aus Auflistung der neben Juden ermordeten Personen und dem Versuch eines lokalen Bezug (“und nicht nur in Landau, auch in Herxheim waren die Juden dann verschwunden”), wurde eine Art von “Geschichtsunterricht” praktiziert. Neben einer offensichtlichen Hitler-Zentrierung (“Hitler und seine Gefolgschaft”) war wohl das Erwähnen des Gehörlosenzeichens für ‘Hitler ‘ (begleitet von allgemeinem Gekicher), der Bezug auf den “um die Insassen zu schützen” in die NSDAP eingetretenen Chef der Heil- und Pflegeanstalt Frankenthal, welcher nach ’45 einem Nachfolger “weichen musste” (der Arme) – die Feststellung, den Zwangsarbeiter_innen wäre man “mit Entschädigungen entgegen gekommen” bildete neben der Behauptung es wäre “zuletzt die Bevölkerung” gewesen, welche “unter den Zuständen gelitten hat” den Höhepunkt der Ekelhaftigkeit des Vortrages.
Das politische Know-How der Anwesenden lässt sich wohl am Besten mit der Anmerkung eines weiteren Lehrers beschreiben, welche besagte dass die “nicht unserem Bild von Demokratie entsprechende” Politik Polens, im speziellen die teilweise distanzierte Haltung gegenüber der Bundesrepublik, Polen “nicht zu verdenken” sei. Die Anmerkung, man würde es sich mit der Darstellung des nachtragenden Polens sehr einfach machen und die bestehenden, von Regierungsseite nur selten und keineswegs eindeutig zurückgewiesenen Besitz- und Entschädigungsansprüche der “Vertriebenenverbände” in der Bundesrepublik konsequent ignorieren blieb gänzlich unkommentiert.
Nach der folgenden Filmdokumentation eines Auschwitz-Besuchs der “AGgegenRechts” der IGS begann man “endlich” über das Motto der Veranstaltung zu sprechen. Die daraus entstehende Diskussion artete in den Austausch des eigenen Erfahrungsschatzes aus – eine Tatsache, welche nur eine Proffesorin, welche mir zuvor durch zahlreiches Stirnrunzeln positiv aufgefallen war, zu kritisieren wusste. Es ist zwar fraglich, ob ihre Feststellung, es sei “beschämend” für ihre Arbeit in der Lehrer_innenausbildung, dass von einem Geschichtslehrer das Leugnungsverbot mit dem Argument der Meinungsfreiheit in Frage gestellt würde, verstanden wurde, doch war ihr Kommentar wohl der einzige Lichtblick während der Veranstaltung.
Themen wie die Entschädigung von Kriegsgefangenen wurden mit “Argumenten” wie “aber dann müssten ja die ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in Großbrittanien und der UDSSR auch entschädigt werden” abgetan. Nach der Feststellung einer Altenpflegerin (im Bezug auf ihre Pflegebedürftigen), die “Täter” seien ja “auch Opfer” sah ich mich genötigt den Schauplatz zu verlassen.
Gut, dass ich jetzt weiß wie man erinnert…
BoredLand