2009 wird für die anständigen Deutschen eine einzige Jubelfeier. 60 Jahre Currywurst, 60 Jahre BRD und Grundgesetz, und natürlich: 60 Jahre Volkswagen. Denn die “Gesellschaft zur Vorbereitung des Deutschen Volkswagens mbH” wurde am 28. Mai 1937 gegründet. Nach ein wenig Kopfrechnen fällt allerdings dem ein oder der anderen meist auf, dass sich die Marketingstrategen der Volkswagen AG ein wenig verrechnet haben müssen, feiert doch VW im nächsten Jahr den 72. Geburtstag. Warum also die falsche Jahreszahl? Schnell wird ersichtlich, dass dies natürlich kein Versehen, sondern nur ziemlich plumpe und typisch deutsche Geschichtsklitterung ist.
Stellen wir einmal kurz die Gründungsgeschichte des Volkswagens dar. Die deutsche Volksgemeinschaft sollte passend zu den “Kraft durch Freude”-Aktionen ein kostengünstiges Auto erwerben können – Den “KdF-Wagen”. Das zu diesem Zweck erbaute Volkswagenwerk und die neben ihm errichtete Stadt Wolfsburg wurde durch beschlagnahmtes Gewerkschaftsvermögen bezahlt. Zur tatsächlichen Produktion des Wagens kam es nicht, da irgendwie (hoppla!) in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrach. Während das zum Wagen gehörige “Volk” den industriellen Massenmord vorbereitete und die halbe Welt in ein Massengrab verwandelte, baute man im Volkswagenwerk Wagen für die Wehrmacht und die Vernichtungswaffe V1. Dafür “beschäftigte” das Werk zehntausende Zwangsarbeiter, um den deutschen Krieg weiterführen zu können. Erst im Sommer 1945 wurden die ursprünglich geplanten Wagen (nun als “Käfer” tituliert) produziert – unter britischer Zuständigkeit. 1949 kam das Unternehmen schließlich in die Zuständigkeit der frisch entstandenen Bundesrepublik Deutschland.
Genau dieses Jahr wird mit der Kampagne “60 Jahre Volkswagen” zum Geburtsjahr der Volkswagen AG umgelogen. Der Zweck dahinter ist klar: Es soll nichts mehr auf die nationalsozialistische Vergangenheit hinweisen und ein Strich auf dem Zeitstrahl der Firmengeschichte gezogen werden – im Jahre 1949. Die hier vertretene Firmenpolitik verdeutlicht hervorragend, wie in Deutschland mit dem Nationalsozialismus umgegangen wird – wenn nicht relativiert wird und auch niemand weiter oben die Schuld aufgedrückt bekommen kann, muss geschwiegen werden.
Der Werbeclip zur Kampagne ist dafür ein Beispiel par excellence. Bilder von Volkswagen wechseln sich ab mit Bildern deutscher Geschichte, an denen VW wohl in irgendeiner Form mitgewirkt haben soll. Mit dem “schwarz-rot-geilen” Fahnenmeer schließt sich der Kreis. Geboren mit der Bundesrepublik Deutschland, und ihr immer treu verbunden. Die 8 Jahre als treues deutsches Unternehmen im Nationalsozialismus und als Teil der Kriegsmaschinerie scheinen wie magisch verschwunden, der Russland-Vernichtungsfeldzug mit VW-Motoren- und Wagen und die Raketenangriffe auf London und Antwerpen erscheinen in dem Video “seltsamerweise” nicht. Wunderschön in diesem Zusammenhang ist natürlich auch die Hintergrundmusik:
Ich fahr dorthin, wo mich keiner kennt/
Ich fahr dorthin, wo der Himmel am meisten brennt/
Es mag an meiner generell fehlerhaften Rezeption von der Intention von Werbung liegen, aber bei dieser Textzeile im Zusammenhang mit dem “Volkswagen” fahren vor meinem geistigen Auge deutsche Soldaten in ihren VW-Kübelwagen mit Hakenkreuzfahne in Richtung Russland. Wenn die Stimme aus dem Off dann noch verkündet: “Gemeinsam haben wir viel erlebt. Gemeinsam haben wir viel vor”, ist das schon derart Realsatire, das man schon fast an der Ernsthaftigkeit der Werbung zweifeln mag. Bei dem, was “Wagen und Volk” schon erlebt haben, möchte ich gar nicht wissen, was “wir” denn noch so vor haben.
Ich habe noch die Fernsehwerbung hochgeladen und verlinkt. Die ist noch deutlich schlimmer:
- “gemeinsam haben wir unser Fernweh entdeckt”
- “und Freiheit gefunden”
- “gemeinsam haben wir Fahren gelernt”
- “haben Grenzen überwunden”
- “Wunder geseh’n”